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Märchen Moot Court – Rumpelstilzchen auf der Anklagebank

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"Zum Aufruf kommt das Verfahren gegen den Rumpelstilzchen, alle Beteiligten - auch die Zeugen - bitte eintreten" - Ihr konntet nicht dabei sein? Hier könnt ihr euch über das Verfahren informieren.

„Es ist doch ein ungewöhnlicher Anblick. Einen Zwerg mit langem Bart sieht man jedenfalls nicht alle Tage“, eröffnete der vorsitzende Richter Wittke die Hauptverhandlung gegen Rumpelstilzchen am 10.11.2017. Im Schwurgerichtssaal des Oberverwaltungsgerichtes Greifswald kamen zahlreiche interessierte Juristen und Märchenfreunde zu einem einmaligen Spektakel zusammen.

Rumpelstilzchen wurde von der Staatsanwaltschaft wegen Entziehung Minderjähriger und Erpressung angeklagt. Er sollte die Tochter der Königin entführt und die Königin unter Druck gesetzt haben, um ihre Schmuckgegenstände zu erhalten. Im Laufe der Hauptverhandlung, in der auch die Königin selbst als Nebenklägerin auftrat, traten teils widersprüchliche und bizarre Zeugenaussagen ans Licht. Von unerklärlichen Phänomenen und magischen Kräften war die Rede. Eine Wächterin berichtete, Rumpelstilzchen sei durch eine verschlossene Tür in den Kerker gelangt. Dabei war dem Schöffengericht die Skepsis förmlich ins Gesicht geschrieben. Nachdem die Königin ähnliches berichtete, kam es zu einem familiären Zerwürfnis mit ihrer Mutter der Müllerin. Diese hatte ihrer Tochter in der Beweisaufnahme geistige Verwirrtheit attestiert. Nach der Ansicht einer klatschbewanderten Bäuerin verschleierte die Müllerin ein Komplott, das ihrer Tochter zur Hochzeit mit dem König verhelfen sollte.

Die Verteidiger Rumpelstilzchens sahen auf Grund dieser Aussagen eine Intrige der Zeugen gegen ihren Mandanten. Sie hielten die jeweiligen Aussagen für absurd und widersprüchlich. Deshalb forderten sie das Gericht auf, Rumpelstilzchen in allen Anklagepunkten freizusprechen.

Nach einer intensiven Beratungsphase verkündete das Gericht sein Urteil. Hinsichtlich der Erpressung wurde Rumpelstilzchen freigesprochen. Bei der Entziehung Minderjähriger folgte das Gericht der Staatsanwaltschaft und verurteilte ihn zu einer Strafe von sieben Monaten, die über zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Rumpelstilzchen die Königstochter entführt hat. Sie machten in der Begründung deutlich, dass alle angeblichen übernatürlichen Phänomene mit einer einfachen physikalischen Erklärung zu entkräften sind.

Nach vier Stunden Hauptverhandlung wurde die Sitzung um 17.00 Uhr geschlossen. Rumpelstilzchen und seine Verteidiger wollten noch keine Angaben machen, ob sie weitere rechtliche Schritte einleiten werden. So bleibt demnach auch 205 Jahre nach Veröffentlichung des Märchens durch die Gebrüder Grimm eine abschließende Antwort aus.


Diesen Artikel gibt es auch zum Nachlesen in der JuS 1/2018

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